{"id":363,"date":"2015-11-25T19:51:04","date_gmt":"2015-11-25T18:51:04","guid":{"rendered":"https:\/\/wildhaber.com\/?p=363"},"modified":"2018-09-11T18:54:20","modified_gmt":"2018-09-11T17:54:20","slug":"blockhains-oder-wann-wird-der-naechste-nerd-durchs-dorf-getrieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/blockhains-oder-wann-wird-der-naechste-nerd-durchs-dorf-getrieben\/","title":{"rendered":"Blockchains &#8211; oder wann wird der n\u00e4chste Nerd durchs Dorf getrieben?"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ein Tag vergeht, ohne dass sich nicht ein Journalist berufen f\u00fchlt, die heilsversprechende Zukunft der bankenlosen Gesellschaft zu predigen. Auf der Suche nach neuen Jobs &amp; Zuckerbergs ist die news- und geldgeile Investoren- und Journalistenbande nun auf das Thema Blockchain und Bitcoin gestossen. J\u00fcngstes Beispiel sind die Artikel im <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?q=http:\/\/www.economist.com\/BLOGS\/FREEEXCHANGE&amp;sa=U&amp;ved=0ahUKEwjg__XvjazJAhUILQ8KHdkzAwsQFggIMAE&amp;client=internal-uds-cse&amp;usg=AFQjCNHYltpO8UORRuIQ3jOZfXEEvpluHg\">Economist zum Thema Blockchain<\/a> und im Tages-Anzeiger Magazin vom 14.11.2015 \u00fcber den Nerd Vitalik Buterin. Im Artikel des Tages-Anzeigers wird Buterin als \u201eLenin des digitalen Zeitalters\u201c beschrieben. Als ich den Artikel durchlas, befiel mich das unangenehme Gef\u00fchl, es hier nicht mit Lenin, sondern mit Rasputin zu tun zu haben!<\/p>\n<p>Bei Buterin handelt es sich um einen typischen Vertreter der Generation Y, mit einer klaren Auspr\u00e4gung in Richtung digitaler Egomanie. Oder anders formuliert: man bekommt den Eindruck, als Programmierer w\u00fcrde er sich nicht mal die Pizza unter der T\u00fcre durchschieben lassen, sondern sie im 3-D Drucker selbst herstellen. Man fragt sich zurecht, wie ein Einundzwanzigj\u00e4hriger zur zweifelhaften Ehre gelangt, in hunderten von Artikeln genannt zu werden und erfahrenen Unternehmern und Informatikern beizubringen, wie die digitale Revolution funktioniert. L\u00f6st man sich von der Person, dann wird einem sofort klar, dass die Investorengemeinde wie auch die Presse seit Jahren verzweifelt nach neuen Vorzeigefiguren sucht (Nerds durchs virtuelle Dorf zu treiben macht sich einfach gut).<\/p>\n<p>Die Technologie, die Buterin bekannt gemacht hat, basiert auf Kryptoverfahren (v.a. Hash-Algorithmen) und ist die Grundlage f\u00fcr die virtuelle W\u00e4hrung Bitcoin. Es nennt sich Blockchain. Dieses Verfahren dient vielen neuen Startup-Unternehmen im Umfeld der so genannten \u201eFintech\u201c Szene als als Enabler oder Katalysator f\u00fcr verschiedenste Gesch\u00e4ftsideen. Die Blockchain wird als grosse Zukunftstechnologie hochgejubelt, die eine Vielzahl von existierenden Kommunikations- und Transaktionsverfahren abl\u00f6sen soll. Im Fokus der Presse und Investoren stehen vor allem die Finanzstr\u00f6me. Die Auguren versprechen, dass Zahlungsstr\u00f6me und andere Finanztransaktionen ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, ohne dass diese durch Banken oder unterst\u00fctzende Organisationen (SWIFT, SIC, Kreditkartenorganisationen.) geschleust werden m\u00fcssen. Eine anonyme Vielzahl von Nutzern wird dabei Teil der Transaktion, ohne diese direkt beeinflussen zu k\u00f6nnen. Das Vertrauen in regulierte Instanzen soll durch das Vertrauen in eine unbegrenzte Zahl von anonymen Nutzern ersetzt werden.<\/p>\n<p>W\u00fcrde die Welt so funktionieren, wie sich dies viele Nerds vorstellen, dann g\u00e4be es wohl keine zentrale Kontrollinstanz mehr &#8211; aber es g\u00e4be auch niemanden mehr, der in Krisenfall den Stecker ziehen k\u00f6nnte. In deren Vorstellung entwickelt sich das System durch die hohe Vernetzung autonom und wird dadurch nicht mehr beeinflussbar. Diese Eigenschaften kann man positiv verstehen, aus meiner Sicht sind sie jedoch h\u00f6chst bedrohlich. Die gr\u00f6sste Schw\u00e4che der Gesch\u00e4ftsmodelle in der Sharing Economy (auch Bitcoin geh\u00f6rt dazu) besteht im Fehlen von Verantwortlichkeiten und Personen, welche in Krisenfall f\u00fcr Fehler einstehen m\u00fcssen. Es ist klar, dass sich der typische Nerd lieber auf eine Gruppe von anonymen Nutzen verl\u00e4sst, die er oder sie nicht kennen muss, als mit realen Personen in Kontakt zu treten. Dummerweise ist aber die Vertrauensfrage zentral, wenn es um finanzielle \u00dcberlegungen geht. Vertrauen basiert auf verschiedenen Pfeilern. Dabei sind sowohl die ausf\u00fchrenden, vor allem aber auch die kontrollierenden Instanzen elementar. Die Gewaltentrennung als Grundprinzip der Demokratie bildet die Grundlage, auf welcher unser Vertrauen in den Staat basiert. Gleiches gilt f\u00fcr das Vertrauen in die Abwicklung von Finanzangelegenheiten. Die Technologie ist immer nur Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck. Kulturelle Unterschiede pr\u00e4gen auch das Verh\u00e4ltnis gegen\u00fcber Vertrauensinstanzen. Wir haben bereits in den neunziger Jahren Forschungsprojekte durchgef\u00fchrt, in welchen es darum ging, zu identifizieren, welche Instanzen bei der Abwicklung elektronischer Transaktionen hohes Vertrauen geniessen. Eines wurde dabei klar: Je nach Kultur und Land, sind die Vertrauensinstanzen unterschiedlich. W\u00e4hrend in einem Land eine Bank ein hohes Vertrauen geniesst, ist es in einem anderen die \u00f6ffentliche Verwaltung oder es k\u00f6nnen Privatunternehmen sein.<\/p>\n<p>Das Netz als Ganzes oder deren Nutzergemeinschaft kann keine Vertrauensinstanz darstellen. Es fehlt schlicht an der Verantwortlichkeit und im juristischen Sinn an der Haftung. Dies allerdings ist ein ganz wesentlicher Aspekt, den die heute bekannte Technologie hat diverse Pferdef\u00fcsse. Die Performance um nur schon einen marginalen Teil der heutigen Finanzstr\u00f6me abzudecken, ist schlicht nicht gegeben. Was aber viel mehr zu denken gibt ist die Tatsache, dass eine Blockchain durch einen, mit hohem Rechenpower ausger\u00fcstete Angreifer, \u00fcbernommen werden kann. im Zeitalter der professionellen Cyber-Kriminalit\u00e4t wird man sich zweimal \u00fcberlegen, ob man ein solches System f\u00fcr reale Finanzstr\u00f6me einsetzen will. Kein Regulator wird dies in naher Zukunft erlauben. Das ist Gift f\u00fcr jeden Business-Case!<\/p>\n<p>Wieso also st\u00fcrzen sich trotzdem verschiedene Banken und Investoren auf das Thema Blockchain? Diese Frage ist nun sehr einfach zu beantworten: Wir stehen vor dem dot.com Bust 2.0. Die astronomische \u00dcberbewertung verschiedenster Unternehmen in den letzten Monaten zeigt, dass wir uns wieder am selben Punkt wie im Jahr 2001 befinden. Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern, die keinen oder wenig Umsatz erzielen aber Milliardenbewertungen aufweisen, sind lediglich Vehikel zum Zweck f\u00fcr geldgeile Investoren. Grossbanken, die auf den Zug aufspringen, stellen ein bis zwei Mitarbeiter ab, die sich der Sache annehmen: man muss ja auch dabei sein! Echtes Interesse besteht dabei kaum. Dies sind nur Mitl\u00e4ufer, die sich intern und extern als \u201eTechnologieleader\u201c zu verkaufen versuchen um die m\u00f6glichst attraktive Rendite-Zitronen auspressen zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Doch was ist das echte Potenzial der Blockchain und \u00e4hnlicher Verfahren? Die Verfahren sind sehr gut geeignet, um Regelwerke abzugleichen oder die Integrit\u00e4t von verteilten Datenbest\u00e4nden zu kontrollieren. Die so genannten Smart-Contracts bilden eine interessante Anwendung und werden schon seit Jahren erforscht. Allerdings muss man im gleichen Atemzug erw\u00e4hnt, dass eine Umsetzung bis heute kaum stattgefunden hat. Dies k\u00f6nnte sich \u00e4ndern, weil Buterin und seine Kollegen durchaus einen wertvollen Beitrag erbringen, indem sie die Technologie als neutrale Plattform Entwicklern zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p><em><strong>Fazit: Wie meist wird sich auch hier herausstellen, dass die Technologie nur einen sehr geringen Anteil an der Gesamtl\u00f6sung hat. Ohne das notwendige rechtliche und organisatorische sowie soziale Umfeld werden solche L\u00f6sungen nicht massentauglich. Viele der toll t\u00f6nenden Gesch\u00e4ftsmodelle werden sich kurzfristig nicht realisieren lassen, weil es genau an diesen Rahmenbedingungen fehlt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Es gilt folglich sehr genau zu unterscheiden, ob man von der Technologie als solcher spricht oder \u00fcber deren Anwendung. Die Erwartungen der Finanzbranche oder der Investoren sind so weit \u00fcberzogen, dass man sie durchaus ins Reich der M\u00e4rchen verweisen kann. Die ersten Investoren werden ihr Geld machen k\u00f6nnen, wie immer wird es die zweite bis dritte Welle treffen, welche die grossen Verluste einfahren wird. Es ist zu hoffen, dass die Auswirkungen nicht dasselbe Ausmass haben, wie dies beim dot com bust 1.0 der Fall war.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Update: Exzellenter Artikel im Economist vom 30.12.2015: <span class=\"title\"><a href=\"http:\/\/www.economist.com\/news\/finance-and-economics\/21684805-there-were-tech-startups-there-was-whaling-fin-tech?zid=313&amp;ah=fe2aac0b11adef572d67aed9273b6e55\">THE FIRST VENTURE CAPITALISTS<\/a>: Fin-tech<\/span><br \/>\n<span class=\"subTitle\">in the Finance and economics section of The Economist &#8211; EU Edition<\/span><br \/>\n<span class=\"author\"> by The Economist<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong><em>&#8222;Before there were tech startups, there was whaling&#8220;<\/em><\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Tag vergeht, ohne dass sich nicht ein Journalist berufen f\u00fchlt, die heilsversprechende Zukunft der bankenlosen Gesellschaft zu predigen. &hellip; <a href=\"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/blockhains-oder-wann-wird-der-naechste-nerd-durchs-dorf-getrieben\/\" class=\"more-link\"><span class=\"more-button\">Continue reading &gt;<span class=\"screen-reader-text\">Blockchains &#8211; oder wann wird der n\u00e4chste Nerd durchs Dorf getrieben?<\/span><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,5,6],"tags":[9],"class_list":["post-363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blockchain-co","category-information-governance","category-news","tag-blockchain"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=363"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":383,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/363\/revisions\/383"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wildhaber.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}